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Ein Kind wird in die Geschichte gebogen. Es könnte Ernestina heißen,
Henriette oder Ursula, Maik, Jonas oder Augustin. Aber das Kind schüttelt
sich unter alle den Namen, wirft sie ab wie eine Decke, die über die Haut
scheuert. Es ist einfach da, das Kind, das ein Ich ist, ein Du, ein Es, und
wächst auf jede erdenkliche Art. Zuerst hatte es sich im Leib der Frau
eingenistet, die Bauchhaut ausgedehnt und mit Silberweißstreifen versehen.
Im Geburtsschmerz schrie sie einmal und war dann still. Der Schrei fiel mit
dem Erscheinen des Kinderkopfes zusammen. Das Kind sah ernst aus und blutig.
Nun bewegt es Arme und Beine, blinzelt ins Licht, reißt den Mund auf,
entlässt daraus Schreie, die das Trommelfell der Mutter wie Schläge
berühren. Die Haut auf seiner Stirn färbt sich in ein schönes, tiefes Rot.
Die Mutter betrachtet Kind und Stirn, als seien es zwei trennbare Dinge. Sie
geht zum Fenster um nachzusehen, ob das Rot in den Blumen auf der Rabatte
hinter dem Haus wiederkehrt. Doch die Blütenköpfe sind noch geschlossen. Die
Mutter legt das Kind an die Brust, erträgt den brennenden Schmerz, der ihr
in den Leib fährt. Sie sieht die Augenlider des Kindes flattern, ehe es
einschläft.
Auf dem Kissen des kleinen Bettes sind rote Blumen. Die Stirn des Kindes ist
nun blass und feucht.
Jetzt ist die
Mutter für eine kurze Zeit nur Frau.
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Die Schönheit,
die sich aus Verzweiflung herstellen lässt,
rechtfertigt noch
nicht die Verzweiflung.
Meiner geliebt
gefürchteten Großmutter
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Manche Leben
gehen fast unbemerkt vorüber,
bevor jener
Vertrag gelöst wird, den Körper und Seele miteinander geschlossen haben.
Doch, ehe einer von beiden sich entschließt, der Ewigkeit ins Gesicht zu
spucken oder sie zu umarmen, verhöhnt die Zeit eine stattliche Anzahl von
Uhren.
Und GOTT sieht
den Zeigern nach, wie sie ihre Runden drehen. Sein Himmel ist ein einziges
Ticken in unterschiedlichen Tonlagen. Zuweilen wird er mit einem Tuch an den
Gehäusen der Uhren reiben, damit wir das Glänzen für blinkende Sterne
halten. Und wir halten das Glänzen für blinkende Sterne und den Himmel für
einen Aufbewahrungsort für irgend etwas, etwas, dass uns nicht verloren
gehen lässt.
Wer aufisst kommt
in den Himmel
Wer betet kommt
in den Himmel
Wer artig ist
kommt in den Himmel
Wer die
Kirchenbänke mit Wachs einreibt kommt in den Himmel
Wer nicht an den
Fingernägeln knabbert kommt in den Himmel
Wer keine
schlimmen Wörter sagt kommt in den Himmel
Wer nicht lügt
Wer nicht frevelt
Wer keine Steine
nach Katzen wirft
Wer den Pfarrer
grüßt
Wer aufisst …
UND WER DAS LEBEN
AUSHÄLT UND SICH KEIN ANDERES WÜNSCHT
Großmutter starb
am heißesten Tag des Jahrhunderts. Die Zeitungen berichteten davon, dennoch
bestand die Möglichkeit eines noch heißeren Sommers, denn dieses Jahrhundert
hatte noch fünf Jahre in der Westentasche. Die Zeitungen aber lebten in
diesem Sommer von Superlativen, da er so heiß war, dass selbst das Lesen
einer Zeitung eine erhebliche Mühe bedeutete.
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»Müdigkeit
spürte er keine,
doch war es
ihm manchmal unangenehm,
daß er nicht
auf dem Kopf gehen konnte.«
Georg Büchner,
Lenz
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Lea wirft den
Blick aus dem Fenster; ihr Blick ist ein Taschentuch aus altem Leinen, das
auf dem Pflaster liegen bleibt. Er wird nicht genügen, um vom Blau zu kosten,
vom Licht nicht und nicht von der markierten Umgebung. Dieser Blick ist
etwas Nachgesandtes, etwas mehr als ein Ersatz für Sehen, aber nur etwas; er
ist nach unten gerichtet, er weiß vom Blau, er hätte gern die Freude darin,
aber etwas hindert ihn, sich nach oben zu biegen, zu biegen, wie einen
Draht.
Leas Tag geht
verloren, fällt hinunter zu den anderen Tagen. Dort bleibt er liegen, ein
kleines, müdes Katzenkind, das zu hungrig ist, um zu trinken.
Lea wird sich
nicht die Mühe machen, die pelzige Hülle aufzuheben, sie wird das leise
Geräusch zum Schweigen addieren, sie selbst wird das Katzenkind sein, sich
in die geschlossenen Augen stehlen, das Nicht-Sehen üben.
Am Morgen stürzt
Lea ein Glas Wasser hinunter. Sie trinkt die Reste des Traums in sich
hinein, um sie nicht zu verlieren.
Lea versucht dem
Traum nachzugehen, ihn an einem nachwehenden Ende festzuhalten, um ihn noch
einmal anzusehen, sich etwas zurückzuholen, was sie verloren hat. Eine
Tasche etwa, ein Kleid, ein Kind oder eines dieser tonlos gesprochenen
Worte, von denen nur eine Ahnung bleibt. Lea verliert viel in ihren Träumen,
meistens jedoch den Weg. Sie vergisst die Namen der Straßen, wo sie zu
Besuch erwartet wird, sie findet das Hotel nicht, weil sie ihre Tasche am
Bahnhof vergaß, sie redet mit Leuten, deren Namen ihr unbekannt sind - nur
die Gesichter heben sich vertraut oder bedrohlich aus dem Unbekannten
heraus.
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