die worte unterm gaumen

auch

sitzen wie die mannschaft eines schiffes

im maschinenraum nein sage ich

und die hand schreibt

ja auf ein weißes blatt

in der küche steht ein kuchen

aus blassrosa teig wie fleisch

wie blut unter der haut

in der mitte des grauen november finde

ich mein gesicht nicht mehr im spiegel

und rufe nach einer stimme die mir sagt

wo ich bin –

die schwarzen kohlen im keller schlafen finster

trauern um die sommerfarbe meiner haut

von den tränen haben auch die wände

ein weißes gesicht

an der decke des zimmers zieht die spinne

noch immer einen faden um den

lächerlichen schatten

meiner hand

in bautzen liegt ein geburtstag begraben

hinterm draht und meine freunde backen

auch kuchen aus blassrosa teig und essen und

husten und wissen nicht weiter wie das blut

unter der haut und wohin –

 

ich sammle tränen in eine flasche dali

wirft mir lenins porträt vor die füße

ein splitter zerschneidet die haut

ein winziger blutstropfen ruft

das auge zu warten

ehe der zug auf immer abfährt

es wird nicht reichen die fahne zu färben iljitsch

sie ist zu groß und so blass wie der teig wie

blut unter der haut

 

den kuchen werde ich mitnehmen nach moskau

da steigen des nachts gespenster aus dem fluss

mit dalis porträt unterm arm

um es zu tauschen gegen ein kilo kokain

oder ein fässchen zinnober oder die wahrheit –

 

lass mir diesen abend

bitte ich ­gott

aber er hat sein gesicht

in die unendlichkeit vergraben

leinin weint zu meinen füßen dali

gießt schnaps in die flammen

am schwarzen klavier

sitzt einer im löchrigen mantel

und greift mit sicherer hand

eine terz

 

die tasten brennen brennen das herz ist

ein muskel nicht mehr

sag ich zu lenin

und dali speit noch einmal in die moskwa

dass es schäumt

 

dresden, im november 1989

 

  aus: irr-land, Gedichte, Hellerau-Verlag Dresden 1996

 

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Nur eine Summe von Lauten

die aus dem Halsrohr schnellt

aus der Mundhöhle bricht

über die Lippenschranke

Ein blutleerer Fluss

 

Was willst du

 

Eine Summe von Lauten

Eine Brücke

Eine zerfasernde Leitung

So lang wie die Zigarette zwischen den Fingern

die zu einem Punkt zusammenschmilzt

einem winzigen brennenden Punkt

der nirgendwo Halt macht

Der eine Antwort enthält

die keiner erwartet

 

Im Kopf herrscht die Ordnung der Schlingen

Signale empfangen und senden

Die Ordnung der Schlingen

Deren Spirale löst sich oben

im Nichts

 

In diesem himmelblauen Nichts

Im Arkadien der geschlossenen Augen

Ihr Grün erinnert an Algen

an Schlick

an unbetretenen Boden

den das Wasser schützt und

bewegt

 

Was willst du

 

Hungern und Brot backen

Gib mir einen Weg

eine Schnur einen Kompass

und ich gehe ihn nicht

Schneide die Ohren ab wenn du mir zuruft

Da ist vorn oder oben

Nagele sie an Telefonhörern fest

um alle Stimmen zu sammeln und sie

aus dem Schädel zu verbannen

Da ist nichts Nur die blaue

glasklare Leere in die sich

alles hineindrängt

und nichts:

Schweigen dürfen reden müssen und

nicht hören sollen ...

 

Ich vergesse immer mehr Buchstaben

beim Schreiben von Sätzen

Ich vergesse immer mehr Sätze

beim Denken von Welten

Zwischen den Zeichen im Kopf

liebe ich einen Mann

der sich erhängt

ehe er verhungert

und Brot bäckt

 

Ich taumle zwischen den Schranken

der Punkte Kommata Gedankenstriche

Fragezeichen Semikola Doppelpunkte

aus Preußischblau auf der Suche nach einer Sprache

die so weiß ist

dass sie alles einschließt

 

Was willst du

 

Einen Winter aus Herbst

Eine gelbumrandete Freundschaft

Eine Liebe aus raschelnden Blumen

Einen Mond aus Gedanken

Eine bordeauxrote Frage

Und einen kleinen

wunschlosen Tod

 

Der Tod sitzt

in einer gelben Straßenbahn

mit dem Gesicht meiner Mutter

den Händen meines Vaters

der Telefonhörer bäckt

In einer Backstube hinter den sieben Bergen

bäckt er die Zwerge mit ein

 

Der Tod ist fraglos und hat

das Gesicht der Frau eines Bäckers

die aus Russisch Brot

Kreuzworträtsel legt

mit langen gebogenen Worten

 

Dann geht sie fort

und gibt einem der Zwerge meinen Namen

Ehe er im sich heftig blähenden Teig

bis zu den Augen verschwindet

 

 

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Der Mond – eine kalt gelbe Frau Oben ist

Himmel Die Sonne

 

Ein Mann im hitzigen Anzug Hände überm

Feistbauch gefaltet

 

WENN SIE SICH TREFFEN SCHLÄGT

EINER DEN ANDEREN TOT

 

Für Sekunden werden Gläser geschwärzt

vor die Augen geschoben Wenn

 

Sie ihn verdeckt Ein Schatten

nichts weiter Und

 

Wie ihre Namen uns nachgehen

in einer Sprache Die

 

WIE EIN BLINDES PFERD

IN DEN ABGRUND STOLPERT

 

Münder voll bleicher Schlangen

Schwüre Befehle Und

 

DER HIMMEL IST OFFEN

La Lune Le Soleil

 

Babels wackliger Turm

Gebrannter Stein der

 

HALTLOS BELIEBIG DAS AUGE BELEIDIGT

Vomherzganzzuschweigen

 

  Aus: Das beharrliche Unglück der Dinge, Verlag Janos Stekovics, Halle 2000

 

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dieser sonntag schien

eingerichtet das licht lobte

gerade mauern und neptun im brunnen

inmitten der üppigen schönen

einstmals standen im stein hier

sowjetsoldaten bewachten

den brüchigen frieden

sie sind einer tafel gewichen wohin

keiner weiß es und doch

dreht das pendel plötzlich elypsen

und matthias ersteigt

den hölzernen sonnengeheizten

olymp –

 

amanda aber

sitzt auf den gleisen

beim tee und die straßenbahn

kommt zum stehen

mit grell klagenden laut

 

auch die fahrerin erstarrt

beim anblick des durch

sichtigen getränks in den tassen

das amanda am flughafen braute

in singapur

 

amanda trägt eine

maske ihr gesicht ist

unter den flicken

geheimnis die augen

bewegen sich kaum

 

die straßenbahn ist

ein sonntagsgefäß

für wechselnde orte eine menschenkanne

ein schaukelndes schiff

ohne anker

 

es bringt die steinernen sowjetsoldaten

die ihre hände ausstrecken

und nach tee mit viel zucker verlangen

 

amanda teilt aus

streicht fast zärtlich

über den rauen stoff

der uniformärmel

 

auch die straßenbahnfahrerin

trägt eine uniform

in unfrohem bordeaux

eine weiße bluse schnürt ihren hals

unterm rötlichen kinn

sie öffnet den mund da

 

ertönt das martinshorn und die ordnung

wäre fast wieder hergestellt

wäre da nicht amandas spur auf den gleisen

das russische lied in der luft und

ein kaum wahrnehmbarer duft chinesischen tees in

seiner durchsichtigkeit der den ratlosen

polizisten in die nase fährt

auf dass auch sie

zu singen anfangen die knie

zu einem tänzchen biegen

 

sie strecken die finger

nach amandas feinem gesicht

doch die ist lange schon weg

bei den vögeln

den verlorenen uhren

den fragezeichen aus bast

den briefkastenschlitzen aus denen

skrjabins geige ertönt

 

in den armen des sonntags

der sich freundlich an sie schmiegt

diese freundin die zu umfassen

sonst keinem gelingt –

 

 

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für franz hodjak

 

 

 

wir standen am

ufer der welt

 

eine stadt kam

vorüber blinkende

 

türme opern

gestühl ein gelbbrauner

 

bär mit erstauntem

gesicht teile

 

der fähre ein bierkrug

zerfallene bücher

 

die unvermeidliche

glocke schwamm

 

wie ein schweigsames

kind in den fluten

 

wir standen und sahen

das schweigen kommen

 

einen grausamen

gefräßigen vogel

 

mit dunklem gefieder

der ritt in den rasenden

 

wellen sein schnabel

hieb aber verfehlte uns

 

                                   knapp

 

Dresden, am 17. August 2002

 

 

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schwester komm

wir tauschen die kleider

bis rein ins hirn die namen

die landschaften städte all das

die worte jahrtausendalter gebirge stein

schläge krater mit kaltklaren wassern gefüllt

 

wir haben zusammen

in den brunnen

gesehen, das kloster arkadi

erinnerst du dich?

es war der morgen des 9. november

vor hundertfünfundvierzig jahren

als abt gabriel rief »es ist zeit!«

und wieder war krieg als kostas giampoudakis

zwischen die pulverfässer schoss

 

wir sahen durch seinen kopf

die rötlichen berge

als wären sie noch immer

voller blut die pinien zypressen olivenhaine

der zitronenbaum der seine äste

ausstreckte wie ein hungriges mädchen

 

und die klostermauer erstrahlte

im leuchtenden rot

oder waren es nur die blitzenden lichter der fotografen

ein mönch war gestürzt und der

schrei aus seinem mund einen

augenblick sichtbar

 

erinnerst du dich wie verloren wir

vor dem schädelberg standen

und weil der tod doch keine summe

verlorener leben ist

deckte das lachen der herannahenden

touristen auch das zu

 

wir waren schwester

in der nähe des unsagbaren

beladen mit großen und kleinen

verlusten dem unwiderbringlichen duft

unserer mütter

den fordernden händen zweier kinder

deren mütter wir langsam wurden

 

schwester komm

lass sie uns tauschen

die kleider die sprachen das mondlicht

die todesarten

 

und lass uns das blau verschwenden

vor allem: das blau

 

  aus: Landgang im November, Verlag DIE SCHEUNE, Dresden 2004

 

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